Grabo: „Als Torwart musst du einen an der Waffel haben“

Das Wersestadion ist sein Wohnzimmer. Für den Fototermin hat sich der 23-Jährige sich extra eine feine Hose angegezogen, ansonsten trägt Grabo am liebsten Jogginghose. Immer. Bilder: Henning Wegener

Einmal Ahlener, immer Ahlener – das gilt zu 100 Prozent für René „Grabo“ Grabowski, der dem Verein – bis auf ein Zwischenspiel bei Preußen Münster – immer die Treue gehalten hat. Kein Wunder, dass der gebürtige Ahlener das Wersestadion als sein Wohnzimmer bezeichnet. Mit seinen erst 23 Jahren gehört der derzeitige Torwart-Trainer daher schon zu den Ahlener „Urgesteinen“. Daher war es keine Frage, wo wir Grabo für die fünfte Folge unserer Porträt-Serie #heimspiel interviewen: natürlich im Wersestadion!

Für wen sein Fußball-Herz schlägt war früh vorgezeichnet. Im Alter von zarten drei Jahren nahm ihn sein Vater das erste Mal zu einem Spiel mit ins Wersestadion. Aber eigentlich beginnt die Geschichte noch viel früher – nämlich vor Grabos Geburt: In der Saison1996/1997 spielte der Berliner René Deffke für LR Ahlen. Papa Grabowski, ein großer Fan des Stürmers, ging regelmäßig ins Stadion, um die Rot Weissen anzufeuern – so auch an jenem Wochenende kurz vor dem errechneten Geburtstermin. Da die Eltern sich nicht auf einen Namen für ihren Erstgeborenen einigen konnten, schlug der Vater vor, den Vornamen des ersten Torschützen an jenem Tag zu nehmen. „Ausgerechnet da trifft natürlich Deffke“, erzählt Grabo rückblickend. „Von da an war klar, wie ich heiße. Im Verein kennt man mich aber nur unter Grabo.“ Ein Vetorecht hatte Grabos Mutter übrigens nicht. Sie durfte aber später den Namen für Grabos Bruder Sören aussuchen.

Das Tattoo-Gesamt-Kunstwerk Grabo ist mittlerweile 12.000 Euro wert.

In seinen ersten beiden Jahren im Verein, damals noch LR, war Grabo – wie sein Namensgeber Deffke – Stürmer und wurde erst danach zum Torwart „umfumktioniert“: „Für ein Jugendturnier fehlte ein Torwart. Alle wurden gefragt, ob sie Lust dazu haben, aber keiner wollte“, erinnert sich Grabo. „Ich dachte nur: Da musste nicht viel laufen, das mache ich.“ Und von da an stand er im Ahlener Tor – bis zur U14. In der Saison 2014/2015 wechselte René Grabowski nicht ganz freiwillig zum SC Preußen Münster. „Der Jugendkoordinator hat mir damals gesagt, dass es in Ahlen für mich nicht weiter geht. Das war schon ein Schlag ins Gesicht für mich“, sagt Grabo. „Bei Preußen habe ich mich dann wieder ziemlich wohl gefühlt, aber auch da war irgendwann Endstation.“ Von Münster ging es beginnend mit der U19 wieder nach Ahlen. „Danach habe ich zwei bis drei Jahre gar kein Fußball mehr gespielt“, so Grabo.

Im Sommer hat René Grabowski dann offiziell seine Karriere als aktiver Torwart beendet – obwohl er immer noch spielberechtigt ist: „Wenn einmal Not am Mann ist, stehe ich zur Verfügung.“ Zwei Mal wäre es in dieser Regionalliga-Saison fast schon soweit gewesen, aber vorrangig konzentriert Grabo sich jetzt auf seine Aufgabe als Torwarttrainer: „Ich habe mich zu dem vorzeitigen Karriereende entschlossen, weil ich gerne Spieler begleite und etwas von meinen Erfahrungen weitergeben möchte. Ich finde es spannend, deren Entwicklung zu verfolgen.“ Eigentlich hätte im Frühjahr der erste Torwarttrainer-Lehrgang auf dem Programm gestanden. Der wurde aber wegen der Corona-Pandemie schon zwei Mal verschoben. „Auf aktivem Weg ist der Profitraum wohl ausgeträumt, aber wer weiß, wie sich die Torwarttrainer-Geschichte entwickelt. Ich bin noch jung und kann noch viel lernen. Da kann etwas Gutes draus werden“, ist Grabo optimistisch. Und plötzlich ist der ersehnte Profi-Kosmos wieder in Reichweite.

Eigentlich sollten in der Winterpause neue Tattoos dazu kommen.

Große Unterschiede zwischen Grabo, dem Torwart, und Grabo, dem Torwarttrainer, gibt es übrigens nicht: „Als Torwart hatte ich immer einen lockeren Spruch auf den Lippen“, erinnert sich Grabo. Und auch als Torwarttrainer ist er für die gute Laune im Team verantwortlich. Das, was er von sich selbst als Spieler verlangt hat, fordert er nun auch von seinen Spielern: 120 Prozent Einsatz auf dem Platz: „Ich bin da schon sehr extrem.“ Wenn Grabo sich eine Sache vorgenommen hat, zieht er sie durch. Im Corona-Jahr wollte er beispielsweise abnehmen. 20 Kilo sind seit Anfang des Jahres runter. Und seinen Schützling Bernd Schipmann hat er gleich mit auf die Reise genommen: „Ich habe ihm gesagt, wir ziehen das zusammen durch.“ Auch Schipmann hat seitdem deutlich an Gewicht verloren und ist fitter. Die beiden sind auch außerhalb des Platzes befreundet: „Torhüter verstehen sich immer auf Anhieb. Wir sind eine besondere Gruppe im Team“, erklärt Grabo. „Als Torwart muss man einen an der Waffel haben“, ist sich Grabo sicher. So wie die Kreisläufer im Handball. Torhüter sind eine besondere Spezies, die auch besonders behandelt werden will. Das erlebt Grabo nun jeden Tag aufs Neue in seiner Rolle als Torwarttrainer: „Es gibt ganz verschiedene Torwarttypen. Der eine Typ kann noch Späße machen, aber von jetzt auf gleich den Schalter umlegen und ist komplett im Tunnel. Der andere ist ab Donnerstag vor dem Samstagspiel nicht mehr ansprechbar.“ Da er selbst bis vor Kurzem zwischen den Pfosten stand, kann sich Grabo sehr gut in seine Spieler reinversetzen: „Viele Torwarttrainer sind schon älter. Mein Alter ist vielleicht mein großes Plus.“ Grabos Namensgeber René Deffke ist übrigens auch als Fußball-Trainer tätig. Das wiederum kann sich Grabo bisher nicht vorstellen: „Ich arbeite lieber im Hintergrund, aber vielleicht ändert sich das in einigen Jahren.“ Bis dahin ist der 23-Jährige in Ahlen weiter für die Torhüter zuständig. Und natürlich die gute Laune.

Rene Grabowski ist für die Torhüter zuständig – und für die gute Laune