Was bleibt? Ein Lächeln

Kalt. Nieselregen. Das Flutlicht erhellt den Nachthimmel. Fritz Walter Wetter hin oder her. Kein schönes Fußballwetter. Und trotzdem haben noch recht viele den Weg ins Wersestadion gefunden. Auch solche Abende gehören als Fan dazu. Nimmt man halt so mit. Auch wenn man manchmal auf den grauen Betonstufen im Block auf und ab hüpfen muss, stets von der wagen Hoffnung begleitet, es würde wärmen. Auch wenn man spätestens zur zweiten Halbzeit die Fingerspitzen nicht mehr spürt. Verdammter Winter. Freitagabend. Heimspiel von Rot Weiss Ahlen. Gehört halt als Fan dazu. Schließlich ist das meine Mannschaft. Dort vorne auf dem Rasen sind meine Jungs. Logisch, dass ich wieder hier bin. Ich bin immer hier. Seit vielen Jahren. Der Blick schweift über die Ränge. Bekannte Gesichter. Nur drei Schritte entfernt, zwei Stufen weiter unten: Drei Jungs. Vielleicht zehn, höchstens zwölf Jahre alt. Nein, die sind neu. Oder sitzen die sonst auf der Tribüne? Noch nie gesehen. Sonst kennt man ja fast jeden. Ist auch egal. Torchance für uns. Endlich. Aber knapp vorbei. Ein Leckerbissen ist das Spiel nicht. Passt zum Wetter. Verdammter Winter. Die drei Jungs frieren nicht annähernd so sehr wie ich. Scheint jedenfalls so.

Die haben schon gegen Bayern gespielt“, höre ich unerwartet heraus. Ich muss schmunzeln. Lange her. Da war es wenigstens warm. Verdammter Winter. „Dann sollen die nochmal gegen Bayern spielen“, meint ein anderer. „Wir können verdammt froh sein, dass wir hier überhaupt noch so tollen Fußball sehen dürfen“. Moment. Habe ich das gerade gesagt? Laut? War eigentlich nur ein Gedanke. Zu spät. Die drei Jungs drehen sich um. „Warum das denn?“. Diese Frage. Ich wusste es. Soll ich antworten? Soll ich einfach meinen Blick weiter auf das Spielfeld richten? Sie gucken immer noch herüber. Warum eigentlich nicht? Ein Gespräch könnte ablenken. Von der Kälte. Nicht vom Spiel. Das ist arm an Chancen aber spannend. Redet man sich als Fan zumindest immer ein. Verdammter Winter. Ich gehe zwei Schritte zur Seite, näher zu den Jungs. „Nun…“, blicke ich zu den Dreien herüber. „Wir können froh sein, dass wir hier noch so tollen Fußball sehen können.“ Ein Satz. Dann wieder Gedanken. Es ist nicht die Bundesliga. Fernsehkameras sucht man vergebens. Ist denen wohl auch zu kalt. Kreisliga ist es auch nicht. Zum Glück. Ein Stück entfernt vom Profifußball. Ja, da sind wir. Ob wir dort jemals wieder ankommen? Im großen Geschäft Profifußball? Wer weiß das schon? Muss auch nicht. Solange wir nicht in der Provinz herumdümpeln. Gerade mit diesem tollen Stadion. Gerade mit dem, was wir alles schon erlebt haben. Sehnsucht. Sehnsucht nach großen Spielen. Großen Gegnern. Großem Andrang. Großen Zeiten. Etwas weniger geht aber auch. Immer noch super. Und dazwischen? Das Ende. Fast. Zum Glück. Zum Glück nur fast.

Zu der Zeit seid ihr vermutlich gerade auf die Welt gekommen“, erzähle ich den Jungs. Ihre Blicke? Für diesen Moment nicht auf den Rasen gerichtet. Für diesen Moment bei mir. Sie wollen mehr wissen. „Insolvenz“, sage ich. Fragende Blicke kommen zurück. „Wisst ihr nicht, was hier vor einigen Jahren war?“ Keine Antwort. Nur ein Kopfschütteln. Ich hole tief Luft. „Na gut. Ihr seid ja gerade neu dabei als Fans. Aber viele von den Menschen hier sind seit vielen Jahren in diesem Stadion zuhause. Einige von denen haben noch unsere Zeit in der 2. Bundesliga miterlebt. Das waren Zeiten sag ich euch…“ Das Spiel plätschert vor sich hin. Immer noch Nieselregen. Immer noch kalt. Verdammter Winter. Drei junge Fans an meiner Seite. Sie kennen sie nicht. Sie kennen diese Geschichte nicht. Dieses Kapitel. Die Jungs schauen mich immer noch an. Ich rücke noch einen Schritt näher heran. „Wir hatten damals Geldsorgen. Die große Fußballwelt in dieser kleinen Stadt. Das war irgendwann leider zu viel für uns. Mit einem Schlag war alles anders. Erst noch zweite und dritte Liga, Profifußball. Plötzlich fünfte Liga. Sogar unsere Amateure hatten einst höher gespielt. Jetzt waren wir hier. Wir. Die erste Mannschaft. Der stolze Proficlub. Kein Frankfurt. Kein Berlin. Kein München. Erndtebrück und Schermbeck hießen jetzt die Gegner. Das war eine ziemliche Umgewöhnung sag ich euch. Aber eine Sache war bemerkenswert. Kein Jammern. Kein Meckern. Kein Rücken zukehren. Die Fans kamen auch gegen Erndtebrück zurück ins Stadion. Niemand kannte einen Spieler des Gegners. Manchmal nicht einmal die eigenen. Es war ja alles neu. Und das Geld? Das war weg. Gab es damals Hilfe? Etwa Unterstützung von Personen, die sich einst in unserem Licht gesonnt haben? Fehlanzeige. Das Aushängeschild der Stadt. Einige Leute wollten es seinem Schicksal überlassen. Das Stadion? Unser Stadion! Wir mussten es an die Stadt abgeben. Ob sie unser Wohnzimmer stets gut gepflegt haben? Nicht immer so, wie es nötig gewesen wäre. Und die Mitarbeiter des Vereins? Der gesamte Mitarbeiterstab der Geschäftsstelle? Entlassen! Alle! Der Vorstand? Weg! Die Spieler? Weg! Alle! Alle waren weg. Nur wir Fans waren noch hier. Klar. Wir dachten ja, das sind jetzt zwei, maximal drei Jahre. Die müssen wir überstehen. Danach geht es ja wieder zurück in den Profifußball. Ich glaube, so sind Fans nun einmal“, erzähle ich und muss schmunzeln.

Das Spiel plätschert immer noch so dahin. Kalt ist mir auch noch immer. Verdammter Winter. Aber neben mir stehen drei kleine Fans. Drei Fans, die mir gebannt zuhören. „Und was war dann?“ fragt einer. Ich lasse meinen Blick durch das Stadion schweifen. Die Fans. Trommelschläge. Ein paar Zaunfahnen im kalten Wind. „Seht ihr die Fans dort? Viele von denen haben den ganzen Weg mitgemacht. Sind freitags nach Rostock oder München gefahren. Allianz Arena. Ahlen spielte dort. Das war normal. War halt unsere Liga. Kurz darauf sind diese Jungs nach Bergisch Gladbach gefahren. Das war nicht unsere Welt. Städte, die wir vorher nie mit Fußball in Verbindung gebracht hätten. Und wir? Wir haben jedes Spiel verloren. NRW-Liga nannte sich der Spaß. 0:7 gegen Aachen. Nicht die erste, die zweite Mannschaft von Aachen. 0:9 in Köln. Bei Viktoria. Wenige Jahre zuvor beim FC. 45.000 Fans. Jetzt halt Viktoria. Das war die schlimmste Zeit. Ein Jahr zum Vergessen. Und ob es überhaupt weitergeht, das wussten wir damals nicht. Wasserstandsmeldungen aus der Zeitung. Insolvenzverwalter hier, Geldsorgen da. Neue Spieler, keine Mitarbeiter, ein Neuanfang im Chaos. Baustellen ohne Ende. Zu viele und zu große. Nächsten Monat kann Schluss sein. So etwas stand in den Zeitungen. Schluss? Womit? Mit dem Verein? Mit allem? Nur die Erinnerungen, die dann noch bleiben? Das wollte damals nicht in meinen Kopf. Es war eine Zeit, in der 100 Euro darüber entschieden haben, ob wir in diesem Monat über die Runden kommen.“

100 Euro?“, unterbricht mich einer der Jungs. Skepsis. Fragende Blicke. Kann das sein? Papa erzählte uns vom Spiel gegen die Bayern und dieser ältere Kerl hier erzählt etwas von 100 Euro zum Überleben? In dem Moment schienen die Jungs genau das zu denken. Auch heute wirkt das noch unglaublich. Unglaublich, aber wahr. Schnell fahre ich fort: „Ihr könnt mir glauben. So war es. Wir waren fast tot. Ob es weitergeht, wusste niemand. Monatelang. Jahrelang. Spielen wir die nächste Saison noch? Und wenn ja, in welcher Liga? Neuanfang ganz unten? Duelle gegen Dolberg? Keine Allianz Arena mehr? Über fünf Jahre ging das so. Kein Geld und keine Retter in Sicht. Entweder wir packen es alleine oder wir sterben und Rot Weiss gibt es nicht mehr. Früher sind die Spieler nach Spanien geflogen. Trainingslager im Winter. Zur Zeit der Insolvenz fehlte uns Geld, um den Bulli zu betanken, mit dem die Jugendmannschaften zu ihren Spielen sollten. Wir mussten lange kämpfen. Das sage ich euch. Verdammt lange. Aber alle haben mit angepackt. Vom ersten Tag an. Sonst wären wir wirklich tot gewesen. Schon vor sehr langer Zeit.“ Die Schlussphase läuft. Der nasskalte Wind peitscht mir um die Nase. Ein Schuss aus zweiter Reihe. Drüber. Wieder Anfeuerungsrufe. Wieder diese Kälte. Verdammter Winter. Die drei Jungs? Stehen dort. Starren mich an. Sie kennen diese Geschichte nicht. Heute ist das erste Spiel, das sie als Freunde gemeinsam besuchen. Ob sie wohl in ein paar Jahren noch hier stehen werden? Fans kommen, Fans gehen. Ich bleibe. Während dieser Zeit damals sind einige wenige neu gekommen, unfassbar viele sind gegangen und nur die ganz Treuen sind immer geblieben. Das weiß ich. Und ich bin mir sicher. Diese drei Jungs bleiben auch. Warum? Ist so ein Gefühl. Sie erinnern mich an meine Kindheit. Die ersten Besuche im Stadion. Lange her. War zumindest im Sommer. Verdammter Winter.

Und wie ging die Geschichte aus?“, fragt mich einer der Jungs. Ich ziehe meine Rot Weiss Mütze wieder straff über die Ohren und erzähle weiter: „Ich weiß nicht wie. Aber wir haben es irgendwie geschafft. Wir waren beinahe sechs Jahre in der Insolvenz. So lange wie kein anderer Verein. Viele Vereine sind daran kaputt gegangen. Wir sind sogar einmal aufgestiegen. Unglaublich war das. Ein Verein ohne Geld und am Rande des Abgrunds lässt alle hinter sich, schreibt Geschichte und steigt auf? Auch das haben wir geschafft. Wir haben es gepackt. Mit Leidenschaft und viel Herz. In diesem einen Jahr NRW-Liga wusste jeder von uns, dass wir am Wochenende ins Stadion gehen und wieder verlieren werden. Trotzdem. Wir sind alle wiedergekommen. Wochenende für Wochenende. Wir haben fest daran geglaubt, dass es wieder aufwärts geht. Und soll ich euch was verraten? Die Hoffnung hat sich ausgezahlt. Nur ein kleiner Verein. Interessiert doch sonst keinen, was aus denen wird. Aber uns hat es interessiert. Egal welcher Verein. Das ist mehr als nur ein Hobby. So geht es jedem echten Fan. Und dann? Es ging tatsächlich wieder aufwärts. Irgendwann konnten wir die Insolvenz beenden. Wir haben neue Sponsoren gefunden, die alten blieben in schweren Zeiten ja sowieso treu. Die Mannschaft hat in der Regionalliga gekämpft und zwei Jahre in Folge am letzten Spieltag den Klassenerhalt geschafft. Es kamen auch wieder mehr Fans hier ins Stadion. Die Leute haben die Augen geöffnet. Die leben noch? Die waren doch schon so gut wie tot. Und wie die leben! Wir haben wieder viele Siege gefeiert. Wir waren nicht reich, aber es reichte gerade so. Es war zwar nicht München oder Köln, aber auch das war uns mittlerweile egal. Es war Rot Weiss. Unser Team. Unsere Freunde. Unsere große Leidenschaft. Das war wichtig. Der Rest war egal. Wir durften weiterhin ins Stadion kommen. Wir waren nicht tot, wir waren immer noch da. Und es ging Schritt für Schritt wieder nach oben. Wenn ihr mich fragt, ein Fußballwunder.“ Plötzlich Unruhe. Ich schaue zum Platz. Wir haben den Ball. Super Schussposition. Hau ihn rein! Jetzt mach doch! Noch ein Haken. Alle halten die Luft an. Anspannung. Dann die Explosion. Jaaaa! Er macht es. Der Ball zappelt im Netz. Das Ding ist drin. Die Kälte ist verflogen. Die Fans springen von den Sitzen auf, liegen sich in den Armen. Lautes Geschrei. Ein Torjubel. Ahlen-Rufe hallen durch das Stadion. Das schönste Gefühl. Augenblicke später. Schlusspfiff. Gewonnen! Ein weiterer Sieg in einer langen Vereinsgeschichte. Das Team dreht unter unserem Beifall noch eine Ehrenrunde. Die drei Jungs feiern. Sie verlassen jubelnd die Stehränge. Ich schaue noch kurz hinterher. Dann schaue ich zum Platz, während das Stadion sich zügig leert. Verdammter Winter. Alles egal. Ich bin beim Fußball. Wir haben es geschafft. Was bleibt? Ein Lächeln.