„Wir fahren dahin, um zu gewinnen“

Von 2009 bis 2014 war Damir Ivancicevic bei Rot-Weiss Essen zu Hause. Erstmals kehrt der 25-Tore-Mann der Ahlener Aufstiegssaison am Samstag (Anstoß 14 Uhr) zurück an die Hafenstraße. Im ausführlichen Interview vor dem Spiel Rot-Weiss gegen Rot Weiss sprachen wir mit Damir über seine Zeit bei RWE und die aktuelle Situation im Abstiegskampf:

 

Wie oft hast du schon an den nächsten Samstag gedacht?

„Seit Sonntagabend natürlich täglich.“

Mit Vorfreude oder welcher Gefühlslage?

„Selbstverständlich mit viel Vorfreude und das schon seitdem der Spielplan bekannt war. Dazu kommt, dass wir nach der Tabellensituation mit Essen quasi auf Augenhöhe sind. Das wird ein interessantes Spiel.“

Fünf Jahre lang warst du bei RW Essen zu Hause. Wie viele Zusagen hast du dementsprechend schon aus deinem Familien- und Freundeskreis von Leuten, die im Stadion sein werden?

„Da werden schon fünf, sechs Leute sein (lacht). Meine Freundin muss leider arbeiten, das ist schade. Ansonsten sind ein paar Freunde von mir dabei und unterstützen mich.“

In deiner zweiten Saison bei Essen (2010/2011) warst du davor, Stammspieler zu werden. Dann folgte kurz nach dem Saisonstart der erste von zwei Kreuzbandrissen. Anschließend hast du nur noch selten gespielt.  Hast du dir eigentlich oft die Frage gestellt, was ohne die schlimme Verletzung passiert wäre?

„Die Frage habe ich mir eigentlich nicht gestellt. So etwas passiert leider im Fußball. Erstmal bin ich Essen sehr dankbar, dass sie mich während der beiden Kreuzbandrisse immer unterstützt haben. Man hat mir immer direkt angeboten, meinen Vertrag zu verlängern und das war wirklich einwandfrei. Als ich erstmals so lange ausgefallen bin ist RWE aufgestiegen. Da war es natürlich schwierig, den Anschluss zu finden. Schade war später nur, als es sportlich nicht so gut lief, hat man dennoch auf die bewährten Stammspieler gesetzt und nur selten jungen Spielern aus der zweiten Reihe die Chance gegeben. So kam es, dass ich bei der zweiten Mannschaft in der Oberliga erst wieder Spielpraxis gesammelt habe.“

Mit kurzen Haaren und ohne Bart – so sieht man dich auf den meisten Fotos aus deiner Essener Zeit. Musst du vor Samstag nochmal zum Rasierer greifen, damit dich die Fans an der Hafenstraße überhaupt erkennen?

„Ich glaube die paar Fans, die mich noch kennen, werden mich auch mit Bart noch erkennen. Ich hoffe, dass sich einige der Fans auf mich freuen. Ich habe mir ja während der Zeit in Essen nie etwas zu Schulden kommen lassen und Essen stets in positiver Erinnerung behalten. Auch als es in der vergangenen Saison so gut für mich lief habe ich Glückwünsche aus Essen bekommen.“

Einige Mannschaften wachsen bei der Kulisse in Essen über sich hinaus, andere lassen sich davon stark beeinflussen und gehen unter. Wie geht ihr als Mannschaft mit dem Stadion und den vielen Zuschauern um?

„Essen und Aachen sind natürlich die Highlights der Saison. Solche Zuschauerkulissen kennen wir aber auch aus unserem eigenen Stadion. Gegen Aachen war das Stadion voll und auch die Spiele gegen Dortmund oder Oberhausen waren gut besucht. Nach Aachen und Essen kommt direkt Rot Weiss Ahlen. Solche Zuschauerkulissen beflügeln eher, als dass sie einen hemmen.“

Rot-Weiss Essen steht in der Tabelle drei Plätze über Ahlen und ist aktuell sehr weit von den eigenen Ansprüchen entfernt. Was bedeutet die aktuelle Situation für das Duell am Samstag?

„Die Mannschaft von Essen steht mit jeder Niederlage mehr unter Druck und allgemein ist die Erwartungshaltung in Essen und der Druck, der von außen kommt, wesentlich größer als bei anderen Vereinen. Aber das ist typisch für die Hafenstraße. Dort wird viel für die Spieler getan und die Spieler müssen das zurückzahlen. Das klappt nur leider nicht immer. Essen wird definitiv mehr unter Druck stehen als wir. Wir können recht befreit aufspielen und dementsprechend gilt: Wir fahren dahin, um zu gewinnen.“

Du hast es gerade schon angesprochen. Gegen Velbert hat jeder von euch einen Sieg erwartet. Jetzt erwarten alle von Essen den Dreier. Ist das unser Vorteil?

„Genau. Ein Aufsteiger, der auf einem Abstiegsplatz steht, kommt an die Hafenstraße. Da wird nichts anderes als ein Heimsieg erwartet und gefordert. Wir haben nach langer Zeit mal wieder keinen all zu großen Druck, weil wir in der Außenseiterrolle sind. Das kann nur von Vorteil sein. Nach der enttäuschenden Niederlage gegen Velbert kommt dieses Spiel genau zur rechten Zeit für uns. Wir werden alles raus hauen.“

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Auch in unseren eigenen Reihen wurde nach dem Velbert-Spiel Kritik laut. Kannst du es nachvollziehen, wenn einige Leute fehlende Abgeklärtheit oder Einsatzbereitschaft vermissen?

„Es liegt nicht an der Einstellung oder Einsatzbereitschaft. Ich verstehe natürlich die Fans. Wir sind genauso enttäuscht wie unsere Anhänger, dass wir zuletzt nicht mehr gewinnen konnten. Zumal hatten wir in einigen Spielen die Chance zu punkten und haben die Chancen fahrlässig liegen gelassen. Ob gegen Köln, in Wiedenbrück, Erndtebrück oder jetzt gegen Velbert. Wären wir konzentrierter gewesen und hätten nicht so dumme Fehler gemacht wären wir jetzt über dem Strich. Wer neu in der Liga ist zahlt aber häufig Lehrgeld. Diese Lernprozesse gehören dazu und aus Fehlern lernt man. Das ist wichtig, um diese Fehler in der Rückrunde abstellen zu können und dann werden wir solch enge Spiele auch wieder für uns entscheiden. Abschreiben sollte man uns erst, wenn am Saisonende nichts mehr möglich ist. Bis dahin brauchen wir die volle Rückendeckung der Zuschauer und die Unterstützung der Fans, auch wenn nicht immer alles gelingt. Wir können diesen Abstiegskampf nur zusammen meistern.“

Dabei müsste jedem klar sein, dass Rot Weiss Ahlen bis zum 38. Spieltag um den Verbleib in der Liga kämpfen wird. Es sind nur sieben Zähler bis zur oberen Tabellenhälfte und aktuell stehen drei Klubs hinter uns. Wie schätzt du selbst die Lage ein?

„Wir verschwenden keine Gedanken an Rechenspiele mit der Tabelle. Wir trainieren hart, um unsere Fehler abzustellen. Das klappt aber nicht von heute auf morgen. Bedrohlich ist die Situation nicht. Es war zu erwarten, dass wir um die Nichtabstiegsplätze kämpfen werden. Wir sind ein Verein in der Insolvenz und mit einem ganz geringen Etat, andere Klubs trainieren sogar zweimal täglich. Es wäre vermessen zu fordern, dass wir nicht im Abstiegskampf stecken dürfen. Aber wie gesagt, wir wissen, dass wir mit den anderen Teams auf Augenhöhe sind und das stimmt uns optimistisch.“

Du selbst hast am letzten Wochenende endlich dein erstes Saisontor in der Liga erzielt. Wie froh warst du, als der Knoten bei dir endlich geplatzt ist?

„Überglücklich war ich. Leider hielt die Freude nur 60 Sekunden bis der Ausgleich fiel. Für mich war es wichtig, dass ich wieder getroffen habe. Ich hatte schon einige Chancen in den Spielen zuvor. Da war viel Pech dabei, aber dieser erste Treffer kann mir nur gut tun.“

Es hätten gegen Velbert auch gut und gerne zwei bis drei Treffer werden können, hätte der Gästekeeper nicht so stark gehalten an dem Tag.

„Das dachte ich im Spiel auch. Der Torwart hat einige Dinger richtig stark rausgeholt. Das Glück war einfach nicht auf unserer Seite.“

Blicken wir kurz voraus: Nach dem Spiel in Essen kommt Fortuna Düsseldorf II am Freitagabend zum Flutlichtspiel ins Wersestadion. Ein Heimspiel, das man unbedingt gewinnen sollte, blickt man danach auf die noch anstehenden Aufgaben, oder?

„Wir möchten jedes Heimspiel gewinnen. Wir müssen zusehen, dass wir in Essen alles abrufen und mindestens einen Punkt mitnehmen. Dann können wir das Flutlichtspiel wieder mit breiter Brust angehen. Auch da kann ich mich aber nur wiederholen, ist es enorm wichtig, dass die Fans ins Stadion kommen und uns den Rücken stärken. Fußball, Flutlicht und ein Heimsieg, was Schöneres gäbe es doch gar nicht.“

In den danach folgenden fünf Partien bis zur Winterpause heißen die Gegner Verl, Viktoria Köln, Lotte, Gladbach und Aachen. So ziemlich das Härteste, was die Liga zu bieten hat.

„Das wird schwer. Das wird verdammt schwer. Aber wir haben gezeigt, dass wir auch gegen solche Gegner mithalten können. Das haben wir auch im Eröffnungsspiel schon gegen Aachen gesehen, dass wir mit etwas mehr Glück gegen diese Gegner punkten können. Es wird natürlich schwierig, bis zur Winterpause noch viele Punkte zu holen aber wir werden alles daran setzen, in diesen Partien für die eine oder andere Überraschung zu sorgen. Abgerechnet wird ohnehin erst in der Rückrunde.“

Zumeist hat eine Unachtsamkeit oder ein individueller Fehler die Spiele gegen uns entschieden, denn sämtliche Niederlagen waren im Ergebnis sehr knapp. Was stimmt dich zuversichtlich, dass wir in den nächsten sechs Monaten die Mammutaufgabe Klassenerhalt bewerkstelligt bekommen?

„Ich kann da nur für jeden einzelnen im Team sprechen, wenn ich sage, dass ich fest daran glaube. Wir sind nicht untergegangen gegen unsere Gegner. Wir haben knapp verloren, aber hatten in allen Spielen die Chance, das Ergebnis anders zu gestalten. Das ist leider das angesprochene Lehrgeld, was wir noch zahlen müssen. Jeder muss sich in jedem Training anbieten, wir müssen brennen für dieses Ziel. Die Qualität dazu haben wir, keine Frage. Es geht nur darum, dumme Fehler abzustellen und kaltschnäuziger in der Offensive zu werden. Wir geben alles dafür und mit der Unterstützung der Fans werden wir dieses Ziel am Ende erreichen. Rot Weiss Ahlen hat schon oft Dinge geschafft, die einem keiner zugetraut hätte. Also schaffen wir das diesmal auch wieder.“