“Es gibt Spiele, die sind einfach unfassbar“

Heute ist der 12. Mai. An diesem Datum fand eines der größten Spiele in der Ahlener Geschichte statt. Wir blicken zurück auf die Saison 2002/03. In der 2. Bundesliga standen die letzten drei Spieltage an. Ahlen stand auf dem ersten Nichtabstiegsplatz. Unser Team besaß nur einen einzigen Punkt Vorsprung vor den Abstiegsrängen. In der oberen Tabellenhälfte hatte sich ein packender Dreikampf um den Aufstieg entwickelt. Während der 1. FC Köln und der SC Freiburg schon durch waren, kämpften Eintracht Frankfurt, Greuther Fürth und der 1. FSV Mainz 05 um den dritten Aufstiegsrang. Vor allem die Mainzer sehnten sich nach ihrem ersten Bundesligaaufstieg. Erst ein Jahr zuvor verpasste die Mannschaft von Trainer Jürgen Klopp am letzten Spieltag den sicher geglaubten Aufstieg und wurde mit 64 Zählern zum punktbesten Zweitliga-Nichtaufsteiger der Geschichte. 2003 hatten die Mainzer es wieder in der eigenen Hand. Vor dem 32. Spieltag standen sie auf dem dritten Aufstiegsplatz. Frankfurt und Fürth gewannen am drittletzten Spieltag ihre Partien. Im Abstiegskampf punktete Eintracht Braunschweig und zog mit uns gleich. Bei einer eigenen Niederlage drohte uns der Sturz auf einen Abstiegsplatz. Das letzte Spiel an diesem 32. Spieltag war die Partie im Wersestadion zwischen Ahlen und Mainz. Es war ein Live-Spiel im DSF und das letzte Montagsspiel der Saison. Heute kaum vorstellbar, doch es gab weder Proteste, noch flogen Tennisbälle auf den Platz, obwohl die Partie an einem Montagabend ausgetragen wurde. Umso mehr herrschte auf beiden Seiten Vorfreude und eine spürbare Anspannung, denn für beide Klubs ging es um alles oder nichts. Vor dem Spiel starteten Fans der Frankfurter Eintracht im Internet einen Sammelaufruf. Rund 100 Liter hessischer „Ebbelwoi“, also Apfelwein, sollten nach Ahlen geschickt werden, falls Werner Lorant und sein Team die Mainzer bezwingen.

Mehr als 6.000 Zuschauer im Wersestadion sahen ein spektakuläres Spiel, in dem unsere Jungs früh mit 2:0 in Führung gingen. Schon nach sechs Minuten traf Marcel Rath zur Ahlener Führung. Nur fünf Minuten später zauberte der jugoslawische Mittelfeldspieler Darko Anic, der erst ein halbes Jahr zuvor vom belgischen Verein KAA Gent gekommen war, einen Freistoß aus 22 Metern direkt in den Winkel. Der Aufstiegsaspirant brauchte einige Minuten, um sich von diesem Schock zu erholen. Noch vor der Pause gelang Niclas Weiland aber der Anschlusstreffer für die 05er. Der zweite Durchgang begann ohne Bernd Meier. Unsere Nummer eins verletzte sich vor dem Halbzeitpfiff bei einem Zusammenprall. Ersatzmann Andreas Kronenberg kam zu seinem dritten Saisoneinsatz. Seinen ersten Einsatz hatte der Schweizer Schlussmann beim Hinspiel in Mainz. Vier Minuten waren in der zweiten Hälfte gespielt, da traf Tamás Bódog zum 2:2. Jürgen Klopp peitschte seine Elf an der Seitenlinie nach vorne. Nicht weniger emotional war unser Trainer Werner Lorant dabei. Nur kurz nach dem Ausgleich war es dann passiert: Benjamin Auer drehte die Partie und erzielte das 3:2 für die Mainzer. In diesem Moment schienen die Gäste unaufhaltsam in Richtung Aufstieg zu marschieren, während sich unsere Spieler kurz schüttelten und danach eine der beeindruckendsten Schlussphasen der Vereinsgeschichte ablieferten. Die Ahlener Spieler warfen sich in jeden Ball, kämpfen und rannten mutig nach vorne. Kronenberg verhinderte zunächst gegen Weiland das fast sichere 2:4 aus Ahlener Sicht. Als die letzten Minuten dieser Begegnung anbrachen, erzielte Samuel Ipoua das 3:3. Doch mitten im Jubelrausch der Schock: Die Fahne des Assistenten war oben. Der Treffer von Sammy, wie er genannt wurde, zählte nicht. Was für viele Fans im Stadion direkt zu erkennen war, bestätigte auch DSF-Kommentator Markus Höhner, während den Zuschauern im TV die Zeitlupe eingespielt wurde. Eine klare Fehlentscheidung.

Auf dem Platz ging es weiter hin und her. Ein packendes Spektakel, dass noch während des laufenden Spiels immer mehr Fußballfans vor den heimischen Fernseher lockte. Das DSF erreichte mit der Übertragung traumhafte Einschaltquoten, die für lange Zeit nicht getoppt werden sollten. Der nicht gegebene Ausgleich machte die Ahlener Spieler auf dem Rasen regelrecht wütend und sorgte auf den Tribünen dafür, dass kaum noch jemand auf seinem Platz sitzen blieb. Die Zuschauer peitschten unser Team lautstark nach vorne, bis die 90. Minute erreicht war: Abwehrrecke Lamine Cissé, der bis 2019 zehn Jahre lang im Trainerteam der Würzburger Kickers tätig war, schlug mit letzter Hoffnung einen weiten Ball in den Mainzer Strafraum. Sammy Ipoua verlängerte die Kugel per Kopf auf Michael Zepek und der knallte das Leder volley an Keeper Dimo Wache vorbei ins Tor. Für Verteidiger Zepek sollte es das einzige Tor im Ahlener Trikot bleiben. Einen besseren Zeitpunkt hätte er sich dafür nicht aussuchen können. Noch Sekunden zuvor skandierte der Gästeblock im Wersestadion “Nie mehr 2. Liga!“. Nun war das Stadion auf der anderen Seite ein Tollhaus. Diese Momente erlebt man im Fußball nicht oft, doch an diesem Abend war es ein solcher Moment, als fast alle im Stadion spürten, dass das noch nicht der finale Schlusspunkt dieser Partie war. Selbst Kommentator Höhner merkte, dass etwas in der Luft lag, als er kurz nach dem Ausgleich in der 90. Minute in sein Mikrofon sprach: „Es gibt Spiele, die sind einfach unfassbar. Der absolute Wahnsinn. Und mich würde nicht wundern, wenn jetzt hier in diesem verrückten Spiel noch was passiert.“ So lief kurz darauf bereits die 92. Minute, als Höhner erneut anmerkte: „Ahlen hat gekämpft, gerackert und alles gegeben für diesen einen Punkt… mindestens einen. Denn sie greifen weiter an.“ Es folgte die letzte Szene der Partie. An der Seitenlinie hatte Musemestre Bamba nochmals einen Freistoß herausgeholt. Und wieder prophezeite der Mann am DSF-Mikro: „Steht Mainz am Ende vielleicht mit völlig leeren Händen da?“ Darko Anic trat zum Freistoß an. Die scharf geschossene Kugel segelte in den Mainzer Strafraum und fand dort den Weg zu Chiquinho. Kopfball. Tor. 4:3! Innerhalb von 120 Sekunden drehten unsere Spieler die Partie. Selten gab es eine solche Jubelexplosion, einen dermaßen lauten und ekstatischen Jubelschrei in unserem Stadion, der vermutlich in jeder Ecke Ahlens zu hören war. Noch während sich die Spieler jubelnd in die Arme fielen, pfiff Schiedsrichter Günter Perl das Spiel ab.

Wenig später sah sich Jürgen Klopp das Spiel in der Zusammenfassung an und hörte dabei auch Kommentator Markus Höhner, der diesen späten Sieg mit seinen Vorahnungen fast schon prophezeit hatte. Das führte dazu, dass der durchaus abergläubische Klopp noch Jahre später zu Höhner gesagt haben soll: „Für dieses Spiel hasse ich dich!“ Nach dem Schlusspfiff feierte das Wersestadion noch minutenlang die Helden auf dem Rasen, während ganz Mainz in eine Schockstarre verfiel. Markus Höhner beendete die TV-Übertragung mit den Worten: „Liebe Grüße aus dem beschaulichen Ahlen. Hier steppt der Bär.“ Aufgrund dieser 120 Sekunden verpasste Mainz erneut den Aufstieg in die 1. Bundesliga. Ein einziges Mainzer Tor fehlte schlussendlich für den Aufstieg, der somit an Eintracht Frankfurt ging. Die versprochenen Kisten Ebbelwoi brachten Fans der Eintracht wenig später zur Ahlener Geschäftsstelle. Unsere Stadt feierte am 34. Spieltag den Klassenerhalt in der 2. Bundesliga und genau ein Jahr später schafften auch die Mainzer endlich den lang ersehnten Aufstieg ins Fußball-Oberhaus, den ihnen dann auch jeder Ahlener von ganzem Herzen gönnte. Und so endet unser Rückblick auf den 32. Spieltag der Saison 2002/03. Oder wie wir es gerne nennen: Ein magischer Abend im Mai.