Was macht eigentlich…?

Wir steigen in den Flieger, verlassen Deutschland und landen im sonnigen Kalifornien, USA. Hier treffen wir Matthew Taylor zum Interview. Im Hemd und kurzer Hose schlendern wir am Strand entlang, ein kühles Getränk in den Händen und führen lässig das Interview, während uns der Wind, der vom offenen Ozean kommt, etwas Abkühlung verschafft… Okay, schon gut. Bleiben wir also bei der Wahrheit. Natürlich sitzen wir aufgrund der derzeitigen Situation immer noch daheim in Deutschland und führen von hier das Gespräch mit Matthew, Spitzname Matt, Taylor. Der sitzt hingegen wirklich im sonnigen Kalifornien und kann es bestimmt verschmerzen, dass wir nicht persönlich bei ihm sind. Schließlich hat der 38-Jährige noch andere liebe Menschen um sich herum, nämlich seine Frau Julia und die drei gemeinsamen Töchter Lillian (8), Carlotta (6) und Annabelle (3). Die Familie genießt das Leben unter der Sonne. Klingt wie der American Dream, doch bei Matthew Taylor war es eher der German Dream, als er vor vielen Jahren nach Europa ging um Fußballprofi zu werden. Und auch wenn er kein Spiel in der 1. Bundesliga bestritten hat, so kann der US-Boy dennoch auf eine erfolgreiche Karriere in Deutschland zurückblicken. Unter anderem Frankfurt, Münster, Saarbrücken, Offenbach. Matthew Taylor ist viel herumgekommen, doch nirgends war der Stürmer so regelmäßig erfolgreich wie in Ahlen. In der Drittligasaison 2010/11 erzielte Taylor in 32 Pflichtspielen 18 Treffer für Rot Weiss Ahlen.

Ende August 2010, kurz vor Ende der Transferperiode, war der Transfer des Amerikaners vom FSV Frankfurt in die Wersestadt perfekt. Zu diesem Zeitpunkt war er gerade zwei Jahre in good old Germany. Sein letzter Arbeitgeber in den USA war Hollywood United. Kann es einen cooleren Namen als Eintrag in deiner Spielerlaufbahn geben? Vielleicht noch der FC Santa Claus aus Finnland (gibt es tatsächlich). Doch zurück zu Matthew Taylor. Der hatte bis dato schon 63 Partien in der Major League Soccer, der höchsten Spielklasse im US-amerikanischen Fußball, bestritten. Für den Club Deportivo Chivas und Kansas City stürmte Matt. Zu der Zeit war der Fußball in den USA schon deutlich auf dem Vormarsch, doch noch lange nicht so populär wie heute. „Man merkt schon, dass das Interesse hier in den letzten Jahren weiter gestiegen ist“, erzählt uns Matt. Ein Beispiel dafür liefert er uns auch direkt: „Atlanta hat bei Heimspielen oft 50.000 oder 60.000 Zuschauer. Und viele Vereine haben neue und moderne Stadien. Los Angeles FC hat hier in der Nähe ein wunderschönes Stadion und Jahr für Jahr kommen die besten Mannschaften Europas hier in die Gegend.“ Im vergangenen Jahr sah er dort Borussia Dortmund. Auch der FC Bayern war vor seiner Haustür zu Gast. Der BVB trainierte sogar auf der Anlage von Taylors Universität. Nein, er ist kein Student der Uni mehr. Sie ist aber sein Arbeitgeber. An den US-Unis spielt Sport eine gewaltige Rolle. Es ist fast vergleichbar mit Profisport hier in Deutschland, der außerhalb der Universitäten stattfindet. „Ich bin jetzt Co-Trainer der Fußballmannschaft an meiner Uni, der UCLA“, sagt Matthew stolz. UCLA ist die University of California, Los Angeles. Taylor, der als Fußballtrainer mittlerweile die UEFA-B-Lizenz erworben hat, ist zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Früher war er bereits auf dieser Uni. Von hier begann seine spätere Karriere als Profi, doch bevor der 38-Jährige nach Deutschland kam, lernte er schon in seiner Heimat eine deutsche Legende kennen, die kürzlich noch für etliche Schlagzeilen in Fußballdeutschland sorgte.

Die Rede ist von Jürgen Klinsmann, der bei seinem Intermezzo und der anschließenden Schlammschlacht bei Hertha BSC keine glückliche Figur abgab. Matthew bestätigt uns aber, dass der Jürgen ein echt feiner Kerl ist. Glauben wir ihm mal, denn er kennt den ehemaligen deutschen Bundestrainer und späteren US-Nationaltrainer wesentlich besser als wir. Beim Viertligisten Orange County Blue Star spielte er Anfang der 2000er mit Jürgen Klinsmann zusammen. Dort lief dieser aber nicht als Jürgen Klinsmann auf. Um sein Comeback auf dem Rasen nicht an die große Glocke zu hängen, spielte Klinsi in seiner Wahl-Heimat Kalifornien damals unter dem Pseudonym Jay Goppingen (in Anlehnung an seinen Geburtsort Göppingen). Matt: „Mit dem Namen, das hat er nur für die europäische Presse gemacht, damit er seine Ruhe hatte. Hier war er wie jeder andere. Die Gegenspieler auf dem Platz haben kein großes Thema daraus gemacht und auch die Presse hier in den USA nicht. Er war für uns einfach nur Jürgen, aber er war auf dem Platz immer noch unfassbar gut und ein toller Mitspieler.“ Umso interessierter blickte Matthew Taylor in den letzten Monaten in Richtung Berlin zu seinem ehemaligen Sturmpartner. „Ich habe das mit Jürgen und Hertha natürlich verfolgt“, meint Matt. „Ich habe immer noch Kontakt zu ihm. Da er hier in Kalifornien ein Haus hat und die Fußballwelt in Los Angeles recht klein ist, sehen wir uns ab und zu. Wir haben letztens bei einem Turnier zusammengearbeitet und man hat immer mal wieder Kontakt und miteinander zu tun.“ 

Unabhängig von Kumpel Klinsi hat Matthew das Interesse am deutschen Fußball nie verloren. Vor zwei Jahren zog die Familie zurück in die USA nach Orange County. Dort gehörte der deutsche Fußball bisher am Wochenende zu den festen Ritualen. „Morgens nach dem Aufstehen schaue ich mir normalerweise immer alle Ergebnisse an, auch wenn das im Moment ja nicht geht. Von den unteren Ligen bis zur Bundesliga. Ich verfolge mit großem Interesse meine ehemaligen Vereine. Ob es jetzt Paderborn in der Bundesliga ist oder Saarbrücken im DFB-Pokal. Das freut mich sehr und ich hoffe auch Ahlen bald wieder bei den Ergebnissen der Regionalliga zu lesen.“ Wir möchten von ihm wissen woran er denkt, wenn er heute den Namen Rot Weiss Ahlen hört und bekommen zunächst eine ehrliche Antwort: „Ich denke natürlich an die schwere Zeit mit der Insolvenz.“ Matt holt kurz Luft. „Aber hauptsächlich denke ich an ein wunderschönes Jahr, das ich in Ahlen erleben durfte. Wir haben tolle Spiele gemacht und hatten eine wirklich großartige Truppe. Ich denke sehr gerne daran zurück, vor allem an meine alten Mitspieler. Wir sind geschlossen durch diese nicht einfache Zeit gegangen und haben uns super miteinander verstanden. Wir hatten auch ein tolles Trainerteam mit Arie van Lent, Danny Thioune und Dirk Langerbein.“ Also war es trotz aller Schwierigkeiten, nachdem im Drittligajahr das vorläufige Insolvenzverfahren auf RWA zurollte, eine tolle Zeit? „Definitiv! Es war trotz der Schwierigkeiten eine tolle Zeit.“

Dabei mussten sich Matthew und Ehefrau Julia am Anfang erst einmal an das Kleinstadtleben gewöhnen. Zum Vergleich: In Los Angeles leben alleine im Stadtzentrum rund vier Millionen Menschen. Ahlen hat knapp 50.000 Einwohner, also etwa 1,25 Prozent von LA. Wobei, ob Los Angeles oder Los Ahlenes, wo ist da schon der große Unterschied? Für Matthew blieb der Kulturschock aus, obwohl Ahlen von all seinen Stationen außerhalb der USA die mit Abstand kleinste Heimat war. „Ahlen hatte einen großen Vorteil gegenüber all den anderen Städten, wo wir gelebt haben. Überall anders war immer viel Action und es gab eine Menge zu erkunden jeden Tag. In Ahlen hatten wir nach ein paar Tagen alles entdeckt und dadurch sehr viel Zeit für die Familie“, sieht es Matthew eher pragmatisch. „Das meine ich aber ganz ehrlich. Für uns war das in dieser Phase unseres Lebens perfekt. Wir haben sehr viel Zeit zusammen als Familie verbracht und das Leben im kleinen Ahlen damals echt genossen.“ Die beiden wohnten nur knapp einen Kilometer vom Wersestadion entfernt. Zum Training, das zu Profizeiten meistens zweimal täglich stattfand, kam Matt sehr oft auf dem Skateboard angefahren. Blickte man damals aus der Geschäftsstelle hinaus auf den Parkplatz, so sah man die Autos der Spieler und dazwischen tauchte plötzlich der Stürmer auf einem Brett mit vier kleinen Rollen auf. Matthew lacht: „Ich komme aus Kalifornien. Da bin ich mit dem Skateboard aufgewachsen.“ Mit seinem Skateboard ging es für ihn zwischen den Einheiten auch häufig durch die Stadt. „Ich habe mir oft unseren Hund geschnappt und dann haben wir zu zweit auf dem Skatebord alle möglichen Ecken von Ahlen erkundet. Das war toll, die Stadt auf diese Weise kennenzulernen.“

Unter den RWA-Anhängern wurde der US-Boy schnell zu einem der Fanlieblinge. Kein Wunder, denn obwohl die Mannschaft in der unteren Tabellenhälfte um den Klassenerhalt kämpfte, hatte Ahlen den drittbesten Torjäger der 3. Liga in den eigenen Reihen. Um zwei Tore verpasste er damals die Torjägerkanone. Eine bessere Torquote hatte Matthew Taylor bei keinem seiner anderen Vereine in Deutschland. „In Ahlen habe ich sehr von meinen Mitspielern profitiert. Dieses Glück brauchst du besonders als Stürmer, dass du in einer Mannschaft spielst, wo jeder für den anderen spielt und der Erfolg des Teams über den eigenen Zielen steht. Es gab bei uns keine Egoisten, sondern unser Ziel war es zusammen erfolgreich zu sein und dadurch habe ich viele Bälle bekommen, die ich zu Toren machen konnte, was bei anderen Vereinen vielleicht nicht so funktioniert hat. Als Stürmer kannst du nur so viele Tore machen, wenn es hinter dir auf dem Platz passt und alle für den gemeinsamen Erfolg spielen und das war in Ahlen der Fall. Die schwierige Situation rund um den Klub hat uns als Mannschaft damals zusammengeschweißt. So etwas habe ich in meiner Karriere wirklich nicht oft erlebt.“ Es war in gewisser Weise auch paradox. Denn während Matthew die erfolgreichste Zeit als Mittelstürmer durchlebte, hing der Verein zwischen Leben und Tod. Werden einem heute für die Eröffnung einer Insolvenz (nur) Punkte abgezogen, bedeutete es vor rund zehn Jahren automatisch den Zwangsabstieg. Die ungewisse Lage hatte über Monate hinweg Bestand. „Wir saßen oft zusammen in der Kabine und wussten nicht, ob wir das nächste Spiel noch spielen dürfen“, erinnert sich auch Matthew Taylor an die damalige Ungewissheit, die Rot Weiss Ahlen umgab.

Und trotzdem bestätigte sich auf dem Platz das, was Matthew bereits erzählt hat. Ein starker Zusammenhalt der Mannschaft. Besonders deutlich wurde dies am 7. Mai 2011. Der 33. Spieltag und das letzte Heimspiel in der 3. Liga. RWA stand einen Platz vor der Abstiegszone. Rot-Weiß Erfurt hieß der Gegner. Erfurt kämpfte als Tabellenvierter um den Aufstieg in die 2. Bundesliga. „Klar erinnere ich mich an das Spiel zurück“, erzählt Matt. „Es war für uns schon ein absolutes Endspiel, obwohl ich nicht sagen würde, dass wir nervös waren vor dem Spiel. Wir sind eher mit positiven Emotionen raus auf den Platz gegangen und die Partie war wirklich verrückt. Du wusstest zu keinem Zeitpunkt in welche Richtung dieses Spiel als nächstes gehen würde. Für uns ging es nur um den sportlichen Klassenerhalt, unabhängig von der Insolvenz. Und dieses Ziel, den Klassenerhalt zu packen, das war für uns so ein immens großer Antrieb. Wir wollten es allen beweisen und nicht als Absteiger in die Sommerpause gehen. Zumal Erfurt um den Aufstieg gespielt hat. Die sind zu uns gekommen und dachten, sie könnten die Situation bei uns ausnutzen und den entscheidenden Schritt zum Aufstieg machen. Doch sie haben gemerkt, dass diese Ahlener Mannschaft an sich geglaubt hat und sich nie aufgegeben hat. Mit Erfolg.“ Das Spiel, viele Fans erinnern sich heute noch sehr genau daran, endete 4:3 für uns. Nach 24 Minuten führten die Erfurter bereits mit 2:0. Matthew Taylor machte in diesem Spiel zwei seiner zahlreichen Saisontore und Manuel Eckel ließ Erfurts Aufstiegsträume durch das Siegtor in der 86. Minute platzen. Durch den Sieg hatten Taylor und Co. den Klassenerhalt am letzten Spieltag wieder fest im Blick.

Dieses letzte Spiel stieg im Rostocker Ostseestadion. Hansa stand als Aufsteiger bereits fest und gewann auch dieses letzte Saisonspiel noch mit 2:0. Doch es reichte aus Ahlener Sicht. Zumindest sportlich war der Klassenerhalt auf den allerletzten Metern geschafft. Wenig später folgte der Zwangsabstieg, doch für die Spieler war es damals wichtig, alles gegeben zu haben. Sportlich wurde das Saisonziel erreicht und daher wurde nach der Partie auch ordentlich in der Gästekabine des Ostseestadions gefeiert. Während die Spieler ausgelassen die vermeintliche Rettung in der 3. Liga zelebrierten, sangen sie immer wieder die Zeilen „There`s only one Matthew Taylor, one Matthew Taylor, walking along, singing this song, walking in a Taylor wonderland.“ Eigentlich wurde das Lied bei großen Darts-Events als Hommage an die Darts-Legende Phil Taylor gesungen. „Das hatte schon in meiner Zeit bei TuS Koblenz begonnen und hat auch in Ahlen seine Fortsetzung gefunden. Das fand ich immer sehr lustig und ich musste immer schmunzeln, wenn der Song wieder gesungen wurde“, erzählt Matthew. Nach unserem Zwangsabstieg wechselte Matthew Taylor nach Paderborn, wo kurz darauf auch seine erste Tochter zur Welt kam. 2012 sorgte er noch einmal landesweit für Schlagzeilen, als er für Münster fast im Alleingang Werder Bremen mit einem Dreierpack aus dem DFB-Pokal warf. Später wurde es dann etwas ruhiger um seine Person. Heute stehen auch andere Sportarten bei Familie Taylor im Fokus. „Meine Töchter probieren alles aus. Schwimmen, Turnen, Basketball, Tennis. Aber auch Fußball.“ Unter der Sonne Kaliforniens alles kein Problem. Dort, wo er nicht nur sein neues Leben genießt, sondern auch die Erinnerungen an seine erfolgreiche Zeit in Deutschland und bei Rot Weiss Ahlen genießen kann. Für Matthew Taylor war es tatsächlich eine märchenhaft wunderbare Saison. Hätte die Insolvenz RWA nicht aus der dritten in die fünfte Liga gespült, er hätte uns sicherlich noch für längere Zeit Freude bereitet. Denn einen solch zuverlässigen Stürmer gab es an der Werse nicht oft. Halt ein echter Torjäger auf einem Brett mit vier kleinen Rollen. #nurgemeinsam