Christian Britscho: 365 Tage RWA

In diesen Tagen feiert er sein Jubiläum. Am 10. Oktober ist Christian Britscho seit genau einem Jahr Cheftrainer bei Rot Weiss Ahlen. Warum wir uns dabei so sicher sind? Weil uns so ein Irrtum kein zweites Mal passiert. Es war im Dezember. Weihnachtsfeier der ersten Mannschaft. Es gab Wichtelgeschenke, lustige Spiele und es wurde viel gelacht. Doch keiner der Anwesenden gratulierte Christian Britscho, obwohl dieser am Tag zuvor seinen 49. Geburtstag feierte. Der Grund war recht einfach, denn obwohl im offiziellen Arbeitsvertrag sein richtiges Geburtsdatum steht, fiel lange Zeit keinem auf, dass überall im Verein ein falsches Datum die Runde machte. Eines, das zuvor schon auf etlichen Seiten im Internet falsch war. Vor Jahren war dort irgendetwas schief gelaufen und seitdem kursierte das falsche Geburtsdatum des Trainers im Netz. Und Britscho selbst? Der machte erst einige Zeit nach der Weihnachtsfeier auf den Irrtum aufmerksam: „Die Sache mit dem Geburtsdatum habe ich nach der Feier aufgeklärt, weil ich wollte, dass es eine Weihnachtsfeier und keine Geburtstagsfeier für mich wird.“

Und jetzt, in der Gegenwart, trennen uns schon wieder nur knapp zwei Monate von Britschos zweiter Weihnachtsfeier bei RWA. Die ersten zwölf Monate sind auch für unseren Trainer schnell vergangen: „Daran merkt man wie schnell die Zeit vergeht, wenn man so eine Aufgabe mit viel Spaß ausübt. Dann nimmt man die Zeit, die dabei verstreicht, gar nicht so bewusst wahr.“ Als Christian Britscho im Oktober 2018 bei Rot Weiss Ahlen unterschrieb, wusste er ganz genau, was auf ihn zukommt. Nicht nur sportlich, sondern auch die Entfernung zwischen seinem Wohnort Bochum und Ahlen ist nicht zu unterschätzen, wie Britscho vorrechnet: „Das lässt sich tatsächlich ziemlich gut rechnen. Es sind rund 45.000 Kilometer, die ich die letzten zwölf Monate im Auto zurückgelegt habe. Also einmal um die Welt für Rot Weiss Ahlen“, lacht der Polizeibeamte aus dem Ruhrpott, der auch an stressigen Tagen nie die gute Laune verliert. Und stressig wirkt so ziemlich jeder Tag: „Um 7 Uhr beginnt mein Dienst und der geht in der Regel bis etwa 15:30 Uhr. Kurz nach 16 Uhr geht’s dann Richtung Ahlen und nachdem wir 18:30 Uhr trainieren, bin ich kurz nach 22 Uhr wieder zuhause in Bochum.“

Bochum – Ahlen – Bochum und das für einen Nebenjob, besser gesagt für ein Hobby. Doch Britscho erklärt uns auch, dass er den nötigen Rückhalt hat: „Familie und Freunde sind oft die Leidtragenden, wenn man dadurch selten Zeit hat. Auf der anderen Seite sind genau diese Menschen aber eine enorm große Unterstützung und ohne diese Rückendeckung wäre das alles für mich überhaupt nicht vorstellbar. Auch mein Arbeitgeber hat mir damals für die Aufgabe in Ahlen grünes Licht gegeben, so dass es dort kaum zu Überschneidungen kommt.“ Und doch überrascht es auch nach einem Jahr noch ein wenig, warum der Bochumer Polizeibeamte so viel Zeit investiert, um Rot Weiss Ahlen zu trainieren. Schließlich mangelt es vor der eigenen Haustür nicht an Fußballvereinen. Zu unserem Auswärtsspiel in Sprockhövel war Britscho zwölf Minuten unterwegs. Wieso also die weite Fahrt nach Ahlen und das nahezu täglich?

„Rot Weiss Ahlen ist für jeden Trainer eine reizvolle Aufgabe. Dieser Verein lebt durch seine große Vergangenheit, mit der auch viele Träume im Umfeld verbunden sind und gleichzeitig findet man in Ahlen die Möglichkeiten vor, um ein paar dieser Träume erfüllen zu können. Wer von einer Rückkehr in den Profifußball träumt, den müssen wir natürlich klar ausbremsen. Dorthin gelangt man nur mit den nötigen finanziellen Mitteln und dazu sind wir aktuell nicht in der Lage. Aber es gibt ja auch kleinere Ziele, die wir hier erreichen können und mit der Strahlkraft, die dieser Verein nach wie vor besitzt, macht es auch viel Spaß für diese Ziele zu arbeiten. Dafür fährt man gerne bis nach Ahlen.“ Wenn Christian Britscho am Stadion eintrifft, steigen mit ihm meist Physiotherapeut Matze Kunde und Co-Trainer Timo Janczak aus, die unterwegs eingesammelt werden.

Gerade Janczak übernimmt als Assistent eine enorm wichtige Rolle, wie uns der Trainer erklärt: „Timo ist eine unglaublich große Hilfe für mich. Er weiß genau wie ich ticke, was ich von den Spielern fordere und was ich auf dem Platz sehen möchte. Er investiert ja genau so viel Zeit und Arbeit wie ich und ich kann wirklich sagen, dass er mehr als nur ein Co-Trainer ist, sondern Timo ist für die gesamte Arbeit bei RWA und auch für die Spieler eine ganz wichtige Person.“ Und die beiden verbindet außerdem, dass sie klare Vorstellungen haben. Diese akribische Arbeit spiegelt sich bislang in einem Punkteschnitt von 1,57 wider. Auf einen beinahe identischen Punkteschnitt kamen in der Vergangenheit Christian Wück und Marco Antwerpen. Beide sind während ihrer Amtszeit mit RWA aufgestiegen. Also, was kommt nun, Trainer? „Der Aufstieg ist für mich nicht das oberste Ziel. In erster Linie wollen wir den Menschen in Ahlen tollen Offensivfußball vor der eigenen Haustür bieten. Die Leute sollen Spaß haben, wenn sie zu uns ins Wersestadion kommen und darüber hinaus möchte ich die Spieler natürlich auch weiterentwickeln. Am Ende muss man schauen, wofür es reicht und ob man solche sportlichen Erfolge realisieren kann, doch der Weg dorthin ist für uns noch weit.“

Irgendwann um den Aufstieg mitspielen, das traut er seiner Mannschaft definitiv zu. Das bestätigt ihm sein gutes Bauchgefühl: „Mein Bauchgefühl entspricht momentan ziemlich gut dem Tabellenbild. Ich glaube, dass wir eine Mannschaft haben, die das Potenzial besitzt, um am Ende auf den ersten sechs Plätzen in der Liga zu stehen.“ Bisher verläuft die Saison auch recht erfolgreich, doch in den zurückliegenden zwölf Monaten gab es für Christian Britscho auch schon andere Erlebnisse: „Das schwierigste Spiel war in der vergangenen Saison die 2:6-Heimniederlage gegen Erndtebrück. Nach diesem Spiel war es eine enorme Herausforderung die Jungs aufzurichten und weiterhin davon zu überzeugen, dass unser Weg der Richtige ist. Der schönste Sieg war für mich bisher der Auswärtssieg bei Westfalia Herne. Wir haben ein tolles Spiel abgeliefert und obwohl wir hinten lagen und sehr viel Hektik in das Spiel transportiert wurde, haben wir die Partie noch gedreht und sind als verdienter Sieger vom Platz gegangen. Das hat mir richtig gut gefallen.“

Nach Siegen, aber auch nach Niederlagen, tauscht sich Britscho immer gerne mit den Fans aus. Für ihn ist der Smalltalk aber keine Imagepflege, sondern wer Christian Britscho etwas besser kennt, der weiß, dass er tatsächlich den Austausch mit anderen Menschen bewusst sucht: „Der Umgang mit den Fans ist für mich tatsächlich ein ganz wichtiger Punkt. Ich möchte ja wissen, was die Leute über den Verein und unsere Arbeit denken, was die Menschen fühlen und welche Wünsche sie haben. Für mich ist ein offener und transparenter Umgang zwischen Verein, Mannschaft und Fans einfach sehr wertvoll. Alle Seiten profitieren davon, wenn man miteinander spricht und auch weiß, was der jeweils andere möchte und zu sagen hat.“ Zum regelmäßigen Austausch kommt es übrigens auch zuhause bei Familie Britscho. Maßgeblich beteiligt daran sind Papa Christian und Sohn Phil. Der 19-Jährige spielt seit dieser Saison für die TSG Sprockhövel. Durch eine Verletzung kam es vergangene Woche jedoch nicht zum Vater-Sohn-Duell in der Oberliga. Es wäre das zweite Spiel dieser Art gewesen: „Wir haben tatsächlich schon einmal gegeneinander gespielt, allerdings nur in einem Testspiel. Er war damals auch bei Sprockhövel und ich Trainer der U19 vom Wuppertaler SV. Zur Pause haben wir 2:0 geführt und am Ende 2:3 verloren. Phil wurde zur zweiten Halbzeit eingewechselt und war natürlich fest davon überzeugt, dass unsere Niederlage mit seiner Einwechslung zusammenhing.“

Doch auch wenn Phil bald wieder fit ist, wird Christian Britscho seinen Sohn nur selten spielen sehen. „Da geht es mir wie jedem Vater. Natürlich würde ich mir wünschen, immer die Spiele meines Sohnes sehen zu können. Aktuell ist das aber leider nicht möglich. Da muss ich dann in den sauren Apfel beißen“, so Britscho, der aber umso mehr die Fußball-Unterhaltungen am heimischen Küchentisch genießt: „Tatsächlich geht es in der Regel um die Oberliga, was in Sprockhövel passiert und wie es in Ahlen läuft. Das interessiert Phil noch mehr, seitdem er unsere Spieler im letzten Sommer auf Mallorca getroffen hat.“ Beim Thema Malle kann einer nicht mitreden, beim Thema Fußball dafür umso mehr. Louis, zwölf Jahre alt, ist der zweite Sohn von Christian Britscho. „Louis spielt als Torhüter bei Eintracht Dortmund. Ich glaube, dass er es im Fußball auch weit bringen kann, weil er Talent hat und immer wieder aufsteht, sich die Bälle um die Ohren hauen lässt und es ihm nichts ausmacht. Er liebt den Fußball und ist absolut ehrgeizig, was mich sehr beeindruckt.“

Louis begleitet seinen Vater Christian auch regelmäßig zum Training und zu den Spielen: „Wann immer er Zeit dafür hat, begleitet er mich nach Ahlen. Da wird dann auch schonmal unterwegs im Auto für die Klassenarbeit am nächsten Tag gebüffelt. Aber er genießt die Atmosphäre in Ahlen und kommt auch mit den Spielern super klar. Am meisten begeistert ihn hier die Mischung zwischen Professionalität und dem familiären Umfeld. Er ist sehr interessiert an allem hier vor Ort und das macht mir dann natürlich auch doppelt Spaß, wenn er mit viel Freude mit nach Ahlen reist.“ Als Torhüter ist es für Louis jedoch interessanter, was Klaus Kühn als Torwarttrainer veranstaltet, als das eigene Training von Papa Christian.Vielleicht wird das ja irgendwann spannender, wenn Christian Britscho einige der Jürgen-Klopp-Methoden einbauen kann. Um diese genauer kennenzulernen, würde unser Cheftrainer dem Coach des FC Liverpool gerne einmal über die Schulter schauen: „Jürgen Klopp scheint eine tolle Balance zu finden zwischen akribischer Arbeit und dem Austausch mit seinen Spielern. Er versucht seine Spieler zu verstehen, etwas über die Persönlichkeiten der Spieler zu erfahren und viele Dinge zu hinterfragen. Für mich ist Jürgen Klopp als Trainer und als Mensch ein Phänomen. Sein Erfolg spricht für sich.“

Doch auch die bisherigen Erfolge von Christian Britscho sprechen für sich. Innerhalb eines Jahres ist eine klare Handschrift des Trainers bei Rot Weiss Ahlen erkennbar. Die Mannschaft begeistert die Fans und spielt erfolgreichen Fußball. Klar, es geht immer noch besser, doch man sollte nichts überstürzen. Ein paar Weihnachtsfeiern will auch Christian Britscho noch in Ahlen miterleben und obwohl wir an dieser Stelle eigentlich unseren Bericht beenden würden, gehört das letzte Wort ausnahmsweise dem Trainer höchstpersönlich: „Eine Sache möchte ich unbedingt noch loswerden. Ich bin stolz darauf, inzwischen seit einem Jahr hier in Ahlen zu sein und ich möchte mich auch ganz besonders bei meiner Frau bedanken, die mich in dieser ganzen Zeit so unterstützt und hinter dieser Aufgabe steht. Ohne ihre große Unterstützung wäre das alles gar nicht möglich für mich.“ #nurgemeinsam